Tupfen, Spritzen, Sprenkeln: Traditionelle Dekorationsmalerei
Mit Farbtupfen Oberflächen lebendiger zu machen, ist eine weniger bekannte Gestaltungsmöglichkeit der Dekorationsmalerei. Ihren Ursprung reicht zurück bis zu den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Wer im Joner Industriegebiet Buech die verwinkelten, historisch gewachsenen Räumlichkeiten der Fontana & Fontana AG durch den Haupteingang betritt, taucht in eine besondere Malerwelt ein. Überall hängen Musterplatten, die historische Dekorationsmalerei wie Holzimitation, aber auch moderne Techniken zeigen. In einem Atelier liegen zu bearbeitende Gegenstände, zum Beispiel angejahrte Holztüren mit kleinen ausgeschliffenen Fensterchen, welche die Farbschichten zeigen.
Olivia und Marius Fontana empfangen den Gast im Ausstellungsraum. Auch hier sind zahlreiche Muster früherer Arbeiten zu sehen. Auf dem riesigen Tisch sind Ausdrucke mit Bildern weiterer Projekte ausgebreitet, um die Ausführungen der beiden zu untermalen. Zuvorderst liegt einer der von Shinobu Ishihara entwickelten runden Farbsehtests. Der Japaner Ishihara entwickelte seinen Test 1917 im Auftrag der Armee, um bei Rekruten Farbenblindheit festzustellen. Dieser bestehen aus verschiedenfarbigen Punkten. Wer nicht in der Lage ist, im Kreis eine Zahl zu erkennen, ist farbenblind oder farbenfehlsichtig.
Simultankontrast nutzen
Ein paar Jahre zuvor, gegen 1910, hatte eine Stilrichtung der Malerei nach rund zwei Jahrzehnten ihr Ende gefunden, die ebenfalls auf Punkte setzte: Der Pointillismus, der eine weiterentwickelte Form des Impressionismus war und diesen schliesslich hinter sich liess. Bekannte Vertreter dieses Stils sind Georges Seurat, Paul Signac und Giovanni Segantini. Sie nutzten einen Simultankontrast genannten Effekt. Regelmässig gesetzte Farbtupfer in reinen Farben verschmelzen zu Flächen und Formen, wenn man sie von Weitem betrachtet.
Farbige Punkte, Tupfen, Kleckse und Spritzer kommen auch in der Dekorationsmalerei zum Einsatz. «Die Idee ist es, die bestehende Oberfläche mit mehreren Farben aufzulösen», sagt Olivia Fontana, damit diese «bewegt» und lebendig wirke. Solche Flächen könnten ein dekoratives Element sein, ergänzt ihr Bruder Marius, «oder einfach eine Methode, damit die Wand nicht zu geleckt, zu flächig aussieht». Ein Beispiel für die Anwendung ist die Steinimitation.
Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Techniken, um den «Pointillismus» in der Dekorationsmalerei umzusetzen: das Spritzen und das Tupfen.
Das Werkzeug zur Technik finden
So einfach ist es bei Bauobjekten natürlich nicht. Wenn die Fontanas im Laufe der Untersuchung vor einer Restaurierung auf solche Oberflächen stossen, überlegen sie, wie sich diese renovieren lassen. Wichtig ist es unter anderem, ein passendes Werkzeug zu finden. «Wir versuchen, der vorgefundenen Technik das richtige historische Werkzeug aus unserem Archiv zuzuordnen», erklärt Marius Fontana. Ist dieses zu spröde oder zu stark abgenutzt, wird es nachgebaut, was in den meisten Fällen nötig ist.
Beispiele für Marmor- und Steinimitation durch Spritzen beziehungsweise Sprenkeln finden sich an der 2008 renovierten Kirche San Giachem (St. Jakob) im Oberengadiner Dörfchen Bever. «Hier hat man es clever gemacht», sagt Marius Fontana. Die Handwerker verputzten den Turm und kalkten die Flächen weiss, die Ecklisenen wurden als Fresco schwarz gekalkt. Dann zogen die Maler mit Weisskalk Linien, um Steinquader zu imitieren. Darüber spritzten sie weisse Farbe. Weil der Rest des Turmes weiss gekalkt war, mussten sie nur die Fenster abdecken. So konnten sie schnell arbeiten.
Ein weiteres Projekt von Fontana & Fontana war das erdwissenschaftliche Forschungs- und Informationszentrum der ETH Zürich. Dieses ist 1912 bis 1916 nach Plänen des berühmten Architekten und früheren Stadtbaumeisters Gustav Gull errichtet worden. Und damit sind wir wieder in der Zeit des Pointillismus. «Wir führten die Bemusterung analog dem Original aus, die Renovation wurde dann leider technisch anders ausgeführt», erklärt Marius Fontana.
Immer grossflächige Muster
Die Ausführung einer Tupf- oder Spritztechnik ist aufwendiger und damit teurer als das Streichen oder Rollen. Deshalb muss die Bauherrschaft bei solchen Renovationen bereit sein, den finanziellen Mehraufwand auf sich zu nehmen. So wie im Fall eines Gebäudes an der Zürcher Löwenstrasse 1 bis 3 in der Nähe des Swiss Casino. «Aufgrund eines Farbuntersuches im Treppenhaus entdeckten wir unter mehreren Farbschichten eine Tupftechnik aus der Bauzeit, welche mit jener an der ETH Zürich zu vergleichen ist», sagt Olivia Fontana.
Die beiden Treppenhäuser weisen unterschiedliche Farbigkeiten auf. Eines ist in verschiedenen rotvioletten und gelben Tupfen getupft, was eine orangerote Farbstimmung ergibt. Das andere Treppenhaus weist Tupfen in braunen, beigen und violetten Farben auf, die von Weitem betrachtet als graue Oberfläche erscheinen.
Der nächste Schritt nach dem Befund und dem Eruieren der Farben ist immer eine Bemusterung auf grossflächigen Platten. Die in diesem Fall notwendigen Tupfpinsel fand man im Fundus der historischen Werkzeuge von Fontana & Fontana. Um optimal arbeiten zu können, baute Marius Fontana sie nach. Nachdem die Bauherrschaft und das Planungsteam mit den Mustern einverstanden waren, ging es los. Es wurde eine Probewand betupft und das Resultat stiess auf Begeisterung. Schliesslich führte das Joner Unternehmen total 500 Quadratmeter Treppenhaus in dieser historisch-traditionellen Handwerkstechnik aus.