Hinterlüftete Fassade: Die Fassade mit vielen Möglichkeiten
Vorgehängte hinterlüftete Fassaden (VHF) gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie überzeugen mit hoher Langlebigkeit, bauphysikalischen Vorteilen und grosser gestalterischer Freiheit – insbesondere in Kombination mit Putz. Entscheidend für ihren langfristigen Erfolg ist jedoch eine sorgfältige Planung und Ausführung.
Factbox
Text: Erik Brühlmann
Bild: Saint-Gobain Weber
Kompaktfassade oder vorgehängte hinterlüftete Fassade (VHF)? Diese Frage beantworten Bauherrschaften und Architekten – trotz deutlich höherer Kosten pro Quadratmeter – immer öfter mit VHF. «Ob dies ein Trend hin zur VHF oder eher weg von der Kompaktfassade ist, lässt sich nur schwer festmachen», sagt Dominic Kuoni, Marktfeldmanager Fassade bei Saint-Gobain Weber.
Gegenüber Kompaktfassaden haben VHF von Haus aus einige gewichtige Vorteile. Durch die kontinuierliche Hinterlüftung wird Feuchtigkeit sicher abgeführt, was das Schadenrisiko reduziert und die Funktionsfähigkeit der Dämmung dauerhaft sicherstellt. VHF sind sehr langlebig, können sortenrein rückgebaut und – je nach Material – rezykliert werden. Zudem lassen sich Unebenheiten im Rohbau dank der justierbaren Unterkonstruktion der VHF präzise ausgleichen.
Vier Elemente
VHF bestehen im Wesentlichen aus vier Elementen. Das Tragwerk nimmt die statischen Lasten aus der Fassadenkonstruktion auf. Die Wärmedämmung senkt den Transmissionswärmeverlust und ist ein entscheidender Faktor für die energetische Leistungsfähigkeit der Gebäudehülle. Die Unterkonstruktion verbindet das Tragwerk mit der Bekleidung und leitet die statischen Lasten in das Tragwerk ein. Die Fassadenbekleidung ist durch den Hinterlüftungsraum von Tragwerk und Dämmung getrennt und in unzähligen Variationen ausführbar – auch mit Putz.
Das eröffne eine Gestaltungsfreiheit, wie sie sonst mit keinem Fassadensystem möglich sei. Oder wie es die Architektin Catherine Gay Menzel an einer Keynote Session des SMGV im Rahmen der letzten Swissbau formulierte: «Putz ermöglicht eine präzise architektonische Sprache.»
Im Showroom von Saint-Gobain Weber in Volketswil ZH zeigt sich die Bandbreite gestalterischer Möglichkeiten, die für VHF und Kompaktfassaden zur Verfügung stehen – vom Besenstrich als Struktureffekt bis zum optisch reizvollen Glitzereffekt. Diese Flexibilität macht die verputzte VHF auch zu einer interessanten Alternative, wenn es um das Thema Ortsbildschutz geht. Da auch Kombinationen von Kompaktfassaden und VHF realisierbar sind und verputzte Fassadenbereiche mit anderen Oberflächenmaterialien zusammenspielen können, sind der Fassadengestaltung so gut wie keine Grenzen gesetzt.
Gerade vor dem Hintergrund des steigenden Kostendrucks erweise sich die Mischlösung als besonders attraktiv, sagt Kuoni. Durch die Verwendung einer VHF könnten gezielt architektonische Highlights geschaffen werden, während der restliche Gebäudebereich mit einer wirtschaftlichen, konventionellen Kompaktfassade ausgeführt werde.
Gut geplant
Eine erfolgreiche VHF-Realisierung hänge gemäss Kuoni vor allem von der Planungsphase ab. Der Aufbau des Systems muss sorgfältig und idealerweise bis ins Detail geplant werden. Wenn man bei der Bekleidung feststelle, dass an der Unterkonstruktion etwas nicht stimmt, bleibt oft nichts anderes übrig, als alles rückzubauen und nochmals von vorn zu beginnen.
Ausserdem muss sichergestellt sein, dass die Luftzirkulation zwischen Bekleidung und Dämmung gewährleistet ist – das ist zwar offensichtlich, aber entscheidend. «Eine VHF darf deshalb nicht zu weit nach unten gezogen werden», stellt Kuoni fest und nennt für die Bekleidung einen Mindestabstand von 15 Zentimeter ab Boden. Der Grund für diese Regelung ist einfach: Wenn im Herbst das Laub fällt und der Wind es an die Fassade trägt, soll der Mindestabstand verhindern, dass es die Hinterlüftung verstopft. Auch sollte der Hinterlüftungsraum nicht zu knapp geplant werden, immer unter Einbezug der Rohbautoleranzen. «Die wichtigste Maxime bei der Planung ist: Ist die Be- oder Entlüftung blockiert, sind Schäden vorprogrammiert», fasst Kuoni zusammen.
Bereits sind grössere Gipserunternehmen dabei, sich des Themas VHF mit Putz anzunehmen. Sie bauen entsprechende Abteilungen auf oder bereits bestehende VHF-Abteilungen aus, um Lösungen aus einer Hand anbieten zu können. «Für Planer und Bauherrschaften ist es attraktiv, wenn die Fassade von A bis Z vom selben Unternehmen ausgeführt wird», sagt Kuoni.