Fassaden zwischen Ökologie und technischer Notwendigkeit
In der modernen Architektur ist die Fassade eine Visitenkarte eines Gebäudes. Aber sie ist auch ein hoch beanspruchtes Bauteil. Der nachhaltige Schutz vor Algen- und Pilzbefall ist dabei ein Dauerthema.
Factbox
Text: Dr. Ingo Schwab, Technischer Leiter der Schweizer Stiftung Farbe
Bild: Schweizer Stiftung Farbe
Bauherrschaften wünschen sich immer öfter Fassaden, die gleichzeitig ökologisch nachhaltig und langlebig sind. Während früher der grosszügige Einsatz von Bioziden zum Schutz der Fassaden vor Algen- und Pilzbefall üblich war, rücken heute biozidfreie Beschichtungssysteme zunehmend in den Fokus von Planung und Handwerk. Der Spagat zwischen Ökologie und langlebigem Fassadenschutz erfordert jedoch fundiertes Fachwissen über aktuelle Klassifizierungssysteme und Materialtechnologien.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Produkten mit ihrem oft chemischen Filmschutz nutzen biozidfreie Systeme physikalische und materialtechnische Prinzipien, um mikrobiellem Befall vorzubeugen. Die Umwelt-Etikette der Schweizer Stiftung Farbe ist ein praktisches Instrument, um Produkte zu identifizieren, die ohne umweltbelastende Wirkstoffe höchste ökologische Standards erfüllen.
Verschiedene Ansätze
In der modernen Fassadengestaltung haben sich verschiedene biozidfreie Ansätze etabliert: Mineralische und silikatische Systeme verfügen über eine natürliche Alkalität. Diese schafft ein für Mikroorganismen ungünstiges Milieu und entzieht ihnen dadurch den Nährboden. Einen physikalischen Ansatz verfolgen hydroaktive Systeme. Sie nutzen die Kapillarkräfte mineralischer Baustoffe: Feuchtigkeit, zum Beispiel in Form von Tauwasser, wird von der Oberfläche aufgenommen, zwischengespeichert und dank einer hohen Diffusionsfähigkeit extrem schnell wieder abgegeben.
Ein Beispiel dafür ist die kontrollierte Wasseraufnahme bei dickschichtigen Systemen, welche die Tropfenbildung an der Oberfläche verhindert. Physikalisch optimierte Oberflächen berücksichtigen schliesslich das einfache Prinzip, dass glatte oder fein strukturierte Oberflächen weniger verschmutzen und Algen weniger Halt bieten.
Mehrwert für die Umwelt
Biozidfreie Systeme bieten signifikante Mehrwerte für Umwelt und Werterhaltung: Da sie ohne chemische Wirkstoffe auskommen, werden keine Biozide in Boden und Grundwasser ausgewaschen. Dies ist besonders in Gewässernähe und in Grundwasserschutzzonen entscheidend. Anorganische, silikatische Bindemittel sind extrem witterungsbeständig und zeigen keine thermoplastischen Reaktionen, was die Schmutzanhaftung minimiert.
Die hohe Wasserdampfdiffusionsfähigkeit und Kapillaraktivität sorgen für ein trockeneres Fassadenklima. Dickschichtige mineralische Aufbausysteme erhöhen zudem das Wärmespeichervermögen. Dies verzögert das Abkühlen der Fassade, wodurch sich weniger Tauwasser bilden kann.
Nachteile und Grenzen
Trotz ihrer Vorzüge sind biozidfreie Produkte keine Allheilmittel. Algen- und Pilzbewuchs kann trotz ihrer Verwendung auftreten. Dieser beeinträchtigt zwar die Funktion der Fassade meist nicht, er wird aber oft als optischer Mangel angesehen. Den Bewuchs als Teil des Ökosystems zu akzeptieren, verlangt seitens der Bauherrschaften einen Paradigmenwechsel. Bei den farbgestalterischen Möglichkeiten sind vor allem rein mineralische Systeme eingeschränkt: Die Farbauswahl ist oft auf anorganische Pigmente beschränkt, knallige oder sehr dunkle Töne sind schwierig umzusetzen.
Biozidfreie Systeme sind auch nicht für jede bauliche Situation uneingeschränkt geeignet. Sie funktionieren am besten im Verbund mit einem konstruktiven Witterungsschutz, zum Beispiel mit ausreichenden Dachüberständen. Bei moderner, kubischer Architektur ohne einen solchen Schutz kühlen Fassaden in klaren Nächten stark aus. Dies führt zu massiver Tauwasserbildung und erhöht das Befallrisiko.
In jedem Fall erfordert der Einsatz biozidfreier Systeme eine sorgfältige Planung und Fachwissen. Silikatsysteme benötigen zum Beispiel einen mineralischen, verkieselungsfähigen Untergrund. Auf alten Dispersionsanstrichen funktionieren sie deshalb nur bedingt in Form von Sol-Silikatsystemen. An schattigen, feuchten Standorten mit häufiger Nebelbildung oder starker Belastung durch Pollen und Russ stossen zudem rein physikalische Wirkmechanismen generell an ihre Grenzen.
Moderne biozidhaltige Systeme
Wenn konstruktive und materialtechnische Massnahmen ausgeschöpft sind und dennoch ein hohes Befallrisiko besteht, bleibt Fachleuten nichts anderes übrig, als auf moderne biozidhaltige Systeme zurückzugreifen. Biozidhaltige Produkte unterliegen heute strengen gesetzlichen Anforderungen wie der Biozidprodukteverordnung (VBP/BPR). Sie regelt, welche Produkte zur Bekämpfung von Schadorganismen vertrieben und verwendet werden dürfen. So sollen die Risiken für Mensch und Umwelt minimiert werden, während eine wirksame Schutzfunktion der Beschichtung erhalten bleibt.
Ein technologischer Fortschritt sind verkapselte Biozide, bei denen die Wirkstoffe in einer Matrix eingebunden sind. Dies hat den Vorteil, dass die Wirkstoffe, ähnlich wie beim Langzeitdünger im Garten, verzögert und nur bei Bedarf – bei Feuchtigkeit – freigesetzt werden. Dadurch verlängert sich die Schutzwirkung an der Fassade; die unkontrollierte Auswaschung bei Regen reduziert sich erheblich. Zu beachten ist jedoch, dass verkapselte Systeme den Bewuchs mit Mikroorganismen oft nicht ursächlich verhindern, sondern ihn lediglich zeitlich verzögern.
Biozideinsatz nur bei Notwendigkeit
Die Wahl des Systems sollte stets das Ergebnis einer ganzheitlichen Betrachtung von Architektur, Standort und Material sein. Denn auch wenn biozidfreien Systemen bei der nachhaltigen Fassadengestaltung die Zukunft gehört, bleiben moderne, biozidhaltige Produkte ein wichtiges Werkzeug für Fachleute. Sie sollten allerdings wenn immer möglich auf begründete Ausnahmefälle beschränkt bleiben.
Ein solcher Ausnahmefall sind Gebäude ohne jeglichen konstruktiven Witterungsschutz – bündige Fenster, fehlende Dachüberstände, Ausssenwärmedämmung –, bei denen eine hohe Feuchtigkeitsbelastung unvermeidbar ist. Auch bei Objekten an extremen Standorten können biozidhaltige Systeme sinnvoll sein: zum Beispiel in Bereichen mit aussergewöhnlich hoher mikrobieller Belastung, etwa wegen der unmittelbaren Nähe zu dichtem Baumbestand oder in Gebieten mit extremen Tauwasserperioden. Ebenso sollte der Einsatz biozidhaltiger Systeme geprüft werden, wenn Bauherren eine absolute Befallfreiheit über einen garantierten Zeitraum verlangen und eine natürliche Alterung der Fassade nicht tolerieren.
Praxistipp für die nachhaltige Materialwahl
- Labels: Achten Sie bei der Ausschreibung und Planung konsequent auf die Umwelt-Etikette der Schweizer Stiftung Farbe und auf Ecobau-Einstufungen. Beschichtungen werden von der Umwelt-Etikette, Verputze von Ecobau nach ihrer Umweltverträglichkeit klassifiziert.
- Priorisierung: Bevorzugen Sie Produkte der besten Kategorien, wenn sie technisch für den Anwendungszweck geeignet sind.
- Systemwahl: Wählen Sie bei unvermeidbarem Biozideinsatz hinsichtlich der Auswaschung optimierte Systeme mit verkapselten Bioziden.
- Unterhalt: Integrieren Sie frühzeitig eine Instandhaltungsanleitung in das Projekt, beispielsweise vom SMGV. Regelmässige Kontrollen und gegebenenfalls Reinigungen verlängern die Intervalle für Renovationsanstriche und sichern die Funktionalität der Fassade langfristig.