Altstadthaus «Zum Gelbhorn»: Instandsetzung einer Objektgeschichte
Das Projekt «Zum Gelbhorn» in Baden schafft, mit seiner vierhundertjährigen Geschichte, eine Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, unter Einbezug zeitgemässer Technologien. Durch die bewusste Verbindung von Tradition und Moderne belegte das Projekt den zweiten Platz beim Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026.
Factbox
Architektur: Zweifel Architekt GmbH, wrkstadt David Keist
Ausführung: Gipsergeschäft Kradolfer GmbH, wrkstadt David Keist
Text: Projektbeschrieb aus dem Jurybericht des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Bilder: zVg
Im Vorfeld des Architekturauftrags zur Instandsetzung des mittelalterlichen Objekts «Zum Gelbhorn» im Bäderquartier von Baden ordnete der Kanton Aargau eine fundierte archäologische Bauuntersuchung an. Diese förderte eine über 400-jährige Objektgeschichte zu Tage. Die Auswertung dendrochronologischer Proben ergab eine Datierung der ältesten Holzbalken auf 1558. Als frühester Hinweis zur äusseren Erscheinung gilt ein von Matthäus Merian 1642 angefertigter Stich. Trotz vieler fragmentierter Befunde blieb in der intensiven Auseinandersetzung dieser Untersuchungsberichte und weiterführenden Recherchearbeiten in den kantonalen Archiven (Plan und Fotoarchiv) eine komplette, rekonstruierbare Architekturfassung vor 1900 aus. Die älteste vollständige Abbildung zeigt die Gassenfassade um 1911 mit einer ähnlichen gewerblichen Nutzung wie heute. Gestemmte Holzkassetten, geschroppte Oberflächen, Schnitzereien und Ziehgläser zierten die zeittypischen Elemente im Stil des Historismus.
Traditionelle Formensprache
Die traditionelle Formensprache mit Sockel, Pilastern, Gesims und Diamantquadern in den Füllungen wurde in traditionellem Baumaterial (Eiche) gefügt und mit moderner Fertigungstechnik verknüpft. Die CNC-Technologie, die bei herkömmlichen Schreinerarbeiten primär zur Zeitersparnis und in der seriellen Produktion genutzt wird, wurde umgedacht und diente unter dem Einsatz unterschiedlicher Fräser der facettenreichen Oberflächengestaltung. Mit dem Kugelfräser auf der Suche nach der um 1900 dokumentierten Kassettierung, wurden im Produktionsprozess Spuren des Fräsers sichtbar, die im Ausdruck eine verblüffende Verwandtschaft mit der Vergangenheit aufweisen. Anstelle einer traditionellen, gestemmten Holzkonstruktion mit klassischen Diamantquadern erzeugen heute Licht und Schatten die gewünschte Wirkung.
Die Verglasung der Schaufenster orientiert sich am historischen Vorbild und ist zweigeteilt ausgeführt: Der untere Teil lässt sich als Hebeschiebefenster nach oben öffnen. So erinnert die Gestaltung an mittelalterliche, hölzerne Ladenfronten, die einst die Öffnungszeiten markierten und gleichzeitig Schutz vor Witterung boten. In den Sommermonaten verbindet das geöffnete Fenster den Gastraum mit dem angrenzenden Gassenraum und schafft so eine offene, einladende Atmosphäre – ein besonderer Mehrwert für die gastronomische Nutzung.
Lokale Materialien
Das in Fachwerkbauweise errichtete Altstadthaus wurde im Fassadenbereich vollständig von den organisch gebundenen, nahezu rein zementösen Mörtel- und Verblenderschichten befreit. Das hölzerne Tragwerk/Skelett wurde sorgfältig auf seinen baulichen Zustand und seine statische Funktion geprüft und in enger Zusammenarbeit mit dem Zimmermann instandgesetzt. Die bestehenden Ausfachungen aus Mauersteinen wurden gesichert, ergänzt, hohlraumfrei mit Stopfmörtel unterfüllt und anschliessend mit einem Drahtgeflecht (Rabitz/ Ziegelrabitz) überspannt. Darauf folgte ein dreilagiger, reiner Luftkalkputz aus Sumpfkalk (Kalkwerk, Sur En GR), versetzt mit lokalem Limmatsand sowie dem charakteristischen Pigment Rebschwarz aus Rebkohle (Pinot Noir, Weingut der Bauherrschaft, Salgesch VS).
Der Ausgleichsputz wurde während der Trocknungsphase sichtbar mit einer vierzinkigen Gartenkralle in überwiegend kursiver, wellenartiger Geste eingekerbt – ein ornamentales Muster, das heute im Verborgenen liegt. Primär technisch motiviert, erfüllt es die Funktion mechanischer Ankerrillen zur besseren Haftung des Deckputzes. Und doch verweist es subtil auf das Bäderquartier und das nahe Quellgebiet – eine stille Reminiszenz an den Ursprung. (Ein Verweis auf Oskar Emmeneggers Buch «Historische Putztechniken», Kapitel Vorbereitungsschicht vs. Haftbrücke.) Den heutigen Anforderungen an die Wärmedämmung wurde durch eine innenseitige, gedämmte Vorsatzschale entsprochen – ohne die historische Fassadenstruktur aussen zu beeinträchtigen.
Geschichte zur Farbpalette
Ein zurückhaltendes Grau bildet die atmosphärische Klammer zwischen dem mittelalterlich geprägten Altstadthaus in Baden und dem Weinberg in Salgesch VS – geprägt durch die persönliche Geschichte des Eigentümers, die beide Orte miteinander verbindet. Im Zuge einer Umstrukturierung im Weinberg der Cave Biber wurden Teile des Pinot- Noir-Bestands gerodet, um Platz für eine alte, klimatisch widerstandsfähigere Rebsorte zu schaffen – eine Entscheidung mit Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels.
Aus dem dabei anfallenden Rebholz entstand ein inhaltlich wie materiell überzeugender Bogen zwischen Bauobjekt, Herkunft des Materials und dem kunsthistorischen Wissen um das Pigment Rebschwarz: Jenes pflanzliche Schwarz, das vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert in Malerei, Grafik und Baukunst Verwendung fand. Gemeinsam mit der Bauherrschaft entschied sich das Planungsteam, das anfallende Rebholz aus Salgesch einer gezielten Verkohlung zuzuführen. Als geselliger Anlass im Planerteam, von Wurst und Wein begleitet, wurden die Rebstöcke im Forsthaus Volketswil geköhlert und später zu Kohlegries und Mehl zerstossen. Auf Basis dieser Rebkohle wurde bemustert und weiterentwickelt.
Neben der färbenden Wirkung, die dem Putz eine charakteristische Tiefe verleiht, rücken auch die technischen Eigenschaften der Rebkohle in den Vordergrund. Ihre hohe Wasserspeicherkapazität unterstützt den Abbindeprozess reiner Kalkputze wesentlich. In gröberer Fraktion, als Griess oder Schrot, entfaltet sie darüber hinaus eine dämmende Wirkung im Grund- und Ausgleichsputz. Eingebettet in Kalkputz und Ölfarbe, in unterschiedlichen Techniken und Oberflächenstrukturen, ent- Preisträger Fassadengestaltung mit Putz und Farbe Silber faltet das Rebschwarz in Kombination mit der goldenen Eiche eine charakterstarke, identitätsstiftende Farbkomposition für das Haus Zum Gelbhorn.
Gestalterische Differenz
Die gestalterische Differenzierung zwischen Schau- und Rückseite des Gebäudes zeigt sich auch in der handwerklichen Ausführung. Zur Gasse hin erzeugen in Stein gefasste Imitationen auf Holzfuttern eine naive, zugleich bewusst inszenierte Anmutung steinerner Gewände, ein historisches Bildmotiv, das mit einem Augenzwinkern zitiert wird. Im Hof hingegen erscheinen dieselben Elemente in einer monochromen Ölfassung – zurückhaltend und einfach. Auch die Oberflächen der Eiche wurden fein nuanciert: Im Ladengeschoss chemisch gebeizt, im Obergeschoss naturgeölt, entsteht ein subtil abgestimmtes Spiel von Tiefe, Glanz und Farbtemperatur, das die Materialität in ihrer ganzen Bandbreite erfahrbar macht.
Mit der Hängung des restaurierten Wirtshausschildes über dem Gassenraum, der Hinterglasvergoldung im selben Blattgold (Rosenobel- Doppelgold) sowie der Rückkehr des historischen Namens «Zum Gelbhorn», in reinem Rebschwarz geschrieben, ist die Grundlage für ein nachhaltiges Weiterbestehen des Hauses geschaffen.
Erfolgreiches Projekt
Das Projekt «Zum Gelbhorn» gewann am diesjährigen Schweizer Preis für Putz und Farbe Silber in der Kategorie «Fassadengestaltung». Die Jury zeigte sich überzeugt von der insgesamt stimmigen Atmosphäre, der interessanten Material- und Farbwahl sowie dem sorgfältigen Prozess im Entwurf und in der Ausführungsphase. Das Ergebnis demonstriert eindrucksvoll, dass sich ein historisches Altstadthaus durch die Kombination traditioneller und zeitgemässer Methoden in ein neues Zeitalter transformieren lässt. Es macht aber auch deutlich, dass hierfür eine enge Zusammenarbeit zwischen Vertreter/innen der Bauherrschaften, der Architektur und Denkmalpflege sowie des Handwerks von entscheidender Bedeutung ist.
Der komplette Jurybericht zu allen Projekten des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026 kann im Fachverlag des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbandes SMGV bestellt werden.