Casetta: Umbau eines traditionellen Steingebäude
Im Tessin stehen unzählige traditionelle Steingebäude vor dem Verfall – doch die Casetta in Mosogno di Sotto zeigt, wie ihr Erhalt gelingen kann. Mit handwerklicher Präzision, Mut zur Farbe und grossem Respekt vor der historischen Substanz wurde sie zu neuem Leben erweckt – ein Vorbild für viele ähnliche Bauten.
Factbox
Architekt und ausführendes Unternehmen: squdra
Farbgestalter: Grace Oberholzer
Hersteller: LanaTherm Naturbaustoffe, Stroba Naturbaustoffe AG, Sartoria, Bosshard-Farben AG
Text: Peter Dransfeld, Architekt ETH SIA und ehemaliges Jurymitglied des Schweizer Preis für Putz und Farbe
Bilder: Pierre Marmy, Fotograf
Am südlichen Alpenhang, namentlich im Tessin, stehen Tausende einfacher Steingebäude, deren Fortbestand gefährdet ist. Tausende von ihnen sind bereits dem Verfall preisgegeben. Als Zeugnisse einer alpinen Bau- und Wirtschaftskultur haben sie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ihren ursprünglichen Zweck verloren. Sie auf schonungsvolle Weise neuen Nutzungen zuzuführen, ist eine Herausforderung; eine Gratwanderung zwischen musealem Erhalt ohne wirtschaftliche Grundlage und Verunklärung durch zeitgemässe bauliche Eingriffe.
Die Casetta in Mosogno di Sotto geht diese Gratwanderung in sehr überzeugender Weise. In unprätentiöser, rücksichtsvoller und doch virtuoser Art schafft es die Grundlagen für den Fortbestand des Gebäudes, für eine einfache, aber doch lustvolle Nutzung. Dies geschieht mit Mut zur Farbe und handwerklich solidem Umgang mit Produkten auf Sumpfkalkbasis. Die Projektverantwortlichen haben die Klaviatur traditioneller Putzmethoden geschickt genutzt, unaufdringlich, aber begleitet von einem klaren Gestaltungswillen.
Ein Musterbeispiel
Die gewählten Mörtelmischungen auf Basis von Weisskalk entsprechen den traditionell verwendeten Materialien, die seit jeher im südlichen Alpenraum hergestellt und als Bindemittel für Putz und Mauermörtel zur Anwendung gekommen sind. Auf derselben Basis, unter Beimischung von mineralischen Leichtzuschlagstoffen, wurde an den Aussenwänden ein Wärmedämmputz eingesetzt, der die Oberflächentemperatur und das Speichervolumen von Feuchtigkeit erhöht und so einen wesentlichen Beitrag zur Behaglichkeit der Räume und der Prävention vor Feuchte und Bewuchs leistet. Eine sinnvolle energetische Ertüchtigung und bauphysikalische Sanierung, ohne das Gebäude aussen zu verändern – ein Musterbeispiel für viele Gebäude dieser Art.
Dem historischen Gebäude sichern sie damit nicht nur in technisch-konstruktiver Hinsicht eine Zukunft. Sie schaffen auch Räume, die die Sinne berühren und das Baudenkmal trotz mancher praktischer Nachteile zu einem Ort machen, der zum Aufenthalt einlädt. Trotz einfacher Mittel und erschwerter räumlicher Umstände wird ein einfacher zeitgemässer haustechnischer Standard erreicht, ohne die historische Struktur massgeblich zu verändern.
Zusammenspiel zwischen mehreren Partein
Dass das Ergebnis nicht das Resultat einer linearen Planung ist, ist Teil seiner Qualität. In Zeichen der weitreichenden Vorausplanung und der Vorfertigung gibt es im Umgang mit dem baulichen Bestand unverändert Spielraum für das intuitive und iterative Suchen nach guten Lösungen; ein Prozess, der zugleich solide Kenntnis des Handwerks erfordert als auch Fantasie und Kreativität.
Ebenfalls unüblich, aber hier ausgesprochen passend, ist die Vereinigung von Planung, Bauleitung und Ausführung. Auch dies steht in deutlichem und durchaus sympathischem Kontrast zu einer immer arbeitsteiligeren Welt. Das
Ergebnis ist ein ganzheitlich stimmiges.
Die Qualität dieses Projekts besteht in seiner Einfachheit, in seiner Stimmigkeit, in der Angemessenheit der Mittel, im äusserst schonungsvollen Umgang mit historischer Substanz. Nicht zuletzt besteht die Qualität des Projekts auch darin, dass es ein grosses Nachahmungspotenzial besitzt. Es zeigt Wege auf, Altes mit einfachen Mitteln in eine neue Zeit zu führen. Aus diesem Grund wurde das Projekt am Schweizer Preis für Putz und Farbe 2023 mit dem zweiten Platz in der Innenraumgestaltung ausgezeichnet.