Sekundarschule Pestalozzi: Zeitgemässer Schulunterricht hinter neobarocker Hülle
Das Pestalozzi-Schulhaus in Basel erstrahlt nach umfassender Sanierung in neuem Glanz. In enger Zusammenarbeit stellten die Beteiligten den ursprünglichen Ausdruck des neobarocken Baus wieder her und kombinierten ihn mit zeitgemässen Anpassungen. Die sorgfältige Rekonstruktion von Materialität, Farbigkeit und architektonischen Details macht das Schulhaus heute wieder zu einem prägenden Bau im Stadtraum. Im Januar gewann das Projekt Gold beim Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026.
Factbox
Architekt: MET Architects GmbH
Ausführendes Unternehmen: Groupe Egli AG
Industrie/Partner: Fixit AG, Guth Naturstein GmbH
Text: Projektbeschrieb aus dem Jurybericht des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Bilder: Ruedi Walti
Das Pestalozzi-Schulhaus in Basel wurde von 1891 bis 1893 im neobarocken Stil nach den Plänen von Kantonsbaumeister Heinrich Reese erbaut. 2003 wurden die Innenräume mit grossem Respekt gegenüber der historischen Substanz von Diener & Diener saniert und anstelle der Lehrpersonentoiletten ein Aufzug neben dem Treppenhaus eingebaut. 2019 gewannen MET Architects den offenen Wettbewerb für weitere Umbau- und Sanierungsarbeiten. Diese umfassten neben der Fassadensanierung und energetischen Verbesserung der Gebäudehülle auch den Ausbau des Dachgeschosses und die Anpassung an die aktuellen Nutzungsanforderungen in den Regelgeschossen.
Grundlage für den Umbau war eine vertiefte Auseinandersetzung mit historischen Zeichnungen und Fotografien, um die ursprüngliche Entwurfsidee des Gebäudes und die Anpassungen, die über die letzten 130 Jahre erfolgt waren, zu verstehen. Für unsere Interventionen stand die gesamtheitliche Betrachtung des Gebäudes im Vordergrund, in der alle Aspekte des Gebäudes zum Tragen kommen. Sowohl für die Fassadensanierung als auch für die Anpassungen im Innern der Schule wurde mit denselben Leitprinzipien gearbeitet: Den bauzeitlichen Gebäudebestand langfristig erhalten, reparieren und auffrischen; ursprüngliche Konstruktionen und räumliche Zusammenhänge für aktuelle Nutzungen reaktivieren; zeitgemässe Gestaltungselemente sorgfältig integrieren; und den herrschaftlichen Ausdruck der Schule wiederherstellen.
Angepasstes Ober- und Dachgeschoss
Im ersten und zweiten Obergeschoss wurden je drei Räume zu einem Lernatelier verbunden. Für die Verbesserung der Raumakustik in den Unterrichtsräumen sorgen auf die Raumgrössen angepasste, vorfabrizierte Akustikpaneele in zwei Stärken, die als ornamentales Flechtmuster in Erscheinung treten. In den Korridoren wurde aus Brandschutzgründen eine Serie von «blinden Bildern» aus eichengerahmten und mit Stoff bezogenen Glaswolleplatten angebracht.
Im ausgebauten Dachgeschoss wurden in einer dem Regelgeschoss folgenden Aufteilung Unterrichtsräume für textiles Werken, Lagerräume für Textil und Zeichnen, die Tagesstruktur und die Mediothek untergebracht. Zur Erschliessung wurde die Haupttreppe um zwei Betonläufe mit freikragendem Podest ergänzt. Die Dachfläche und der umlaufende Kniestock wurden gedämmt, der Korridor und die Unterrichtsräume werden über neue Dachflächenfenster belichtet. Zur witterungsunabhängigen Belüftung und Nachtauskühlung des Dachgeschosses wurden an den Firstendpunkten Türme mit Zwiebelhelmen nach historischen Originalzeichnungen rekonstruiert. Ursprünglich für die Entlüftung überschüssiger Heizwärme genutzt, dienen sie heute der Nachtauskühlung und Belüftung des Dachgeschosses: Werden kritische CO2-Werte überschritten, öffnen sich automatisch Lüftungsklappen im Kniestock und in den Türmen und lassen frische Luft nachströmen, bis wieder genügend Sauerstoff vorhanden ist.
Das Farbkonzept für das Dachgeschoss wurde im Sinne der Regelgeschosse neu interpretiert und weiterentwickelt. Die Wände sind mit einer zeitgemässen Interpretation der historischen Lamperie verkleidet und in helltürkiser Ölfarbe gestrichen. In den Unterrichtsräumen wurden dazu passend niedrige, offene Regale mit Arbeitsplatten eingebaut. Das Brandschutztor zum Treppenhaus und die Innentüren sind analog der Lamperie ausgeführt. Die Türen zu den Unterrichtsräumen erhielten zusätzlich verglaste Oberlichter.
Die Geschichten verstehen und weiterschreiben
Die verputzte Bruchsteinfassade mit Fenstereinfassungen und Simsen aus Sandstein befand sich vor den Sanierungsarbeiten in schlechtem Zustand. Aufgrund historischer Fotografien und Zeichnungen konnte festgestellt werden, dass die ursprüngliche Gestaltung einen Detailreichtum aufwies, der über die Nutzungsdauer – vermutlich mit der reformatorischen Absicht, den Ausdruck des Schulgebäudes zu vereinfachen – immer stärker reduziert worden war: Die verputzten Flächen waren weiss überstrichen und der Sandstein vielerorts abgeschlagen, die Ornamente am Kranzgesims entfernt, die Firstendtürme und Dachgauben zurückgebaut worden. Die Fenster mit zu grober Glaseinteilung taten ein Übriges, um die Fassade flach und wenig ausdrucksstark erscheinen zu lassen. Die ursprüngliche Präsenz des Gebäudes im Stadtraum war dadurch verloren gegangen.
Gemeinsam mit der Bauherrschaft und der Denkmalpflege wurde entschieden, den ursprünglichen Ausdruck des Schulgebäudes im Zuge der Sanierung wiederherzustellen. In Zusammenarbeit mit dem Steinmetz wurden ein umfangreiches Schadenskataster erstellt und drei Sanierungsstrategien für den Umgang mit dem Vogesensandstein erarbeitet: Fehlende oder zerstörte Steine wurden komplett wiederhergestellt, mangelhafte Stellen mit pigmentiertem Mörtel ausgebessert und unsachgemässe vorgängige Reparaturen vorsichtig retuschiert.
Rekonstruktion des Putzes
Eine Laboranalyse ausgewählter Putzmuster ergab, dass der Deckputz mit Kunstharzfarbe überstrichen und dadurch kontaminiert, der ursprüngliche Anwurf und Grundputz hingegen noch intakt waren und als Grundlage für einen neuen, durchgehend mineralischen Schichtaufbau genutzt werden konnten. Der differenzierte Umgang mit den Putzflächen, der sich an den historischen Fotografien ablesen liess, diente als Vorbild für die Rekonstruktion. Im Sockelbereich wurde die grobe Rustizierung des Putzes, welche die horizontalen Linien der Sandsteine aufgreift, wiederhergestellt, in den oberen Geschossen der Putz mit feinerer Oberfläche fortgeführt.
In enger Zusammenarbeit zwischen der ausführenden Putzfirma, dem Materiallieferanten und den Architekt/innen wurden verschiedene Putzmischungen bemustert und bearbeitet, um den richtigen Körnungsgrad für den Ausdruck und die Verarbeitbarkeit des Putzes im Sockelbereich und in den Obergeschossen zu ermitteln. Die gestalterische Eigenheit der Fassade, dass einzelne Putzfelder durch Sandsteinelemente begrenzt sind, kam den Arbeiten entgegen. Die Rustizierung und Fugeneinteilung wurde durch die manuelle Bearbeitung eines Spritzputzes wirtschaftlich und qualitativ überzeugend umgesetzt.
Glimmer an der Fassade
Die Laboranalyse vermochte die ursprüngliche Farbigkeit nicht festzustellen. Daher wurden in Absprache mit der Denkmalpflege verschiedene Varianten zur farblichen Annäherung an den roten Sandstein bemustert und schliesslich ein für öffentliche Gebäude in Basel typischer Rot-Braun-Ton für den Deckputz gewählt: dunkler für den Sockel, heller für die Obergeschosse. Mit dieser feinen Differenzierung wird die Vertikalität des Schulhauses betont und die Fassade optisch gestreckt. Ein leichter Glimmer- Zuschlag betont die strukturierte Oberfläche der Fassade, verleiht ihr Tiefe und lässt das Schulhaus je nach Tageslichteinfall glitzern.
Zur energetischen Sanierung wurden dreifachverglaste Eichenfenster in ursprünglicher Teilung und Profilierung eingebaut. Der neue motorisierte und zentral gesteuerte Sonnenschutz wurde nach dem Vorbild der historischen Fotografien als Knickarmmarkise mit auf die Putzfarbe abgestimmtem, lachsfarbenem Stoff und Metallgestänge ausgeführt.
Gold beim Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Das Schulhaus Pestalozzi gewann in der Kategorie «Fassadengestaltung» Gold beim Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026. Die Jury würdigte die mutige Entscheidung für ein monochromes Gebäude ebenso wie die Gewissenhaftigkeit, mit der die raffinierte Materialität des Putzes erarbeitet worden ist. Die sorgfältig bestimmten, feinen Material- und Farbnuancen verleihen dem Gebäude eine frische Eleganz und erinnern zugleich an sein ursprüngliches Gesicht. Hierin liegen Aktualität und Originalität des Basler Sanierungsprojekts: In einer Zeit, in der sich Architekten und Handwerker vermehrt mit Umbauten beschäftigen, die sie wegen der fehlenden Dokumentation des Ursprungszustands nicht getreu rekonstruieren können, zeigt das sanierte Pestalozzi-Schulhaus auf überzeugende und inspirierende Weise das kreative und innovative Potenzial einer historischen Interpretation.
Der komplette Jurybericht zu allen Projekten des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026 kann im Fachverlag des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbandes SMGV bestellt werden.