Wohnen im Ortslehm
Aus dem Boden an die Wand: Im zürcherischen Egg steht ein ganz spezielles Ensemble, dessen Wände mit Erdreich aus der unmittelbaren Umgebung verputzt sind.
Factbox
Architekt: Osterhage Riesen Architekten
Ausführendes Unternehmen: N. Schirmer AG
Text: Raphael Briner, Leitung Redaktion Applica
Bilder: Osterhage Riesen Architekten
Die Wohnsiedlung in Egg bei Zürich ist 2020 fertiggestellt worden. Sie besteht aus drei durch Galerien und Verbindungstreppen miteinander vernetzte, dreigeschossige Gebäude am Rand der Landwirtschaftszone. Aufgeteilt sind diese in neun Miet- und Eigentumswohnungen mit 2½ bis 5½ Zimmern und einen Gemeinschaftsraum, den die Bewohner/innen und Externe tageweise mieten können.
Orientierung an Permakultur
Eigentümerin Simone Baumann hat das Projekt «Wohnen in den Bäumen» mit Osterhage Riesen Architekten aus Zürich und dem in Egg ansässigen Umweltgestalter Ramon Grendene realisiert. Es orientiert sich an der Permakultur. Dieser Begriff bezeichnet eine nachhaltige Gestaltungsweise, die darauf abzielt, langfristig funktionierende und stabile Ökosysteme zu erzeugen, sowohl in der Landwirtschaft als auch im Alltag. «Damit schaffen wir Biodiversität und ein Paradies für Mensch, Insekten und Tier», heisst es auf der Website der Siedlung.
Dazu gehört eine Umgebungsgestaltung, die sich an Ökosystemen und natürlichen Kreisläufen orientiert. Die Wohnsiedlung in Egg hat eine Dach- und Fassadenbegrünung. Die Bewohner/innen pflegen die Gärten gemeinsam und verwerten die Kräuter und andere Pflanzen. Im Innern der Holzbauten bedeutet der ökologische Ansatz zum Beispiel, mit Holzwolle statt Mineralwolle zu dämmen und Wände mit Lehm zu verputzen.
Regionaler Baustoff
Lehm ist eine Mischung aus Sand, Schluff und Ton. Er hat seinen Ursprung in der Verwitterung von Gestein und entsteht über einen Zeitraum von vielen Jahren bis Jahrtausenden. Man könnte sagen, dass er ein langsames Material ist, das nicht mehr in unsere hektische Welt passt. Trotzdem oder gerade deshalb kommt der zusammen mit Holz als erster Baustoff der Menschheit eingesetzte Lehm heute noch und wieder vermehrt zur Anwendung. Speziell bei diesem Projekt: Der benutzte Lehm kam direkt aus dem Ort und eignete sich ideal für den Grundputz.
Aus Holzplatten errichtete Wände bilden den Untergrund für den Ortslehmputz. Darauf tackerten die Gipser mit Draht verbundenes, in Rollen von 1,5 Meter Breite geliefertes Schilfrohr direkt als Putzträger an. Eine Entkoppelung war nicht nötig, weil Lehm keine dauerhafte Haftung an das Holz findet und sich daher während des Abbindeprozesses selber entkoppelt.
Obwohl der Lehm direkt dem Boden entnommen war, wiesen die 360 Quadratmeter Grundputz eine homogene, sehr dunkle Färbung auf. Den Deckputz wünschten Bauherrschaft und Architekten in helleren Grautönen. Die Wahl fiel auf ein Lehmprodukt von Haga, das die Gipser mit der Stucco-Kelle verdichteten. Darum ist die Fläche relativ fein, sodass nicht viel von der Rustikalität des Materials übrig blieb. Man sieht nur ein paar Schattierungen, welche die Arbeitsgänge der Handwerker aufzeigen.
Preisgekrönt
2021 hat «Wohnen in den Bäumen» den Binding Innovationspreis für Biodiversität gewonnen und die Bauherrschaft engagiert sich im Projekt Mission B für mehr Biodiversität.
Ein Ökolabel wurde beim Projekt nicht angestrebt. Ein Grund dafür war, dass Bauherrschaft und Architekten keine Komfortlüftung wollten, die Voraussetzung für Minergie ist.