Subtile Gestaltung mit Kontrasten
Beim Neubau des Primarschulhauses Elsau ZH hat Material- und Farbgestalter Jan Solenthaler auf ein Nebeneinander subtiler Farbtöne in den Klassenzimmern und lauter Farben in den Gängen gesetzt. Die Instrumente des NCS-Farbsystems haben ihn bei seiner Arbeit unterstützt.
Factbox
Architektur: Moos. Giuliani. Herrmann. Architekten
Farbgestaltung: Jan Solenthaler
System: NCS-Farbsystem
Text: Michael Milz, Fachjournalist bei CRB (Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung)
Bilder: Damian Poffet, freischaffender Architekturfotograf in Bern-Liebefeld.
Dieser Artikel ist zuerst im CRB-Bulletin 3-25 erschienen.
Die Farbgestaltung eines Bauwerks erfüllt vielfältige Aufgaben: Sie schafft Atmosphäre, beeinflusst Emotionen und kann bewusst Akzente setzen. In Spitälern und Schulen etwa übernimmt sie eine funktionale und emotionale Rolle – Farben wirken beruhigend oder anregend, dienen der Orientierung und unterstützen die Signaletik.
Ein bewährtes Instrument bei der Farbgestaltung ist das NCS-Farbsystem. Es bietet eine visuelle Orientierungshilfe und stellt sicher, dass alle an einem Projekt Beteiligten beim Planen, Analysieren oder Kontrollieren von denselben Farbtönen sprechen.
Anpassung an die Umgebung
Für die Farbgestaltung des neuen Primarschulhauses in Elsau in der Nähe von Winterthur, geplant von Moos. Giuliani. Herrmann. Architekten, war Jan Solenthaler verantwortlich. Bereits früh habe sich abgezeichnet, dass der Neubau ein Stahlbetonbau mit einem aussen vorgestellten Dämmstein sein würde. Damit war für Solenthaler klar, dass er im Aussenbereich mit Kalk oder Zement arbeiten würden, was eine Einschränkung bei der Pigmentierung der Farben bedeutete.
Zudem galt es, das neue Schulhaus in einen Dialog mit dem Altbau, der seinerseits eine Art Konglomerat aus Bauten der 1930er-, 1950er- und 1980er-Jahre ist, treten zu lassen. Er habe grundsätzlich immer den Anspruch, dass sich ein Objekt möglichst natürlich an seine Umgebung anpasse, erklärt Solenthaler.
Er findet nicht, dass bei der Farbgestaltung von Schulhäusern grundsätzlich mehr Farbe gefragt ist – auch wenn der Trend in diese Richtung zeige. «In Elsau habe ich die einzelnen Schulzimmer in einen Farbton mit jeweils drei verschiedenen Akzenten gepackt.» Als Kontrast zu dieser eher subtilen Gestaltung sei er in den Gängen des Schulhauses «lauter» geworden. Die Farbgestaltung dürfe auch ein bisschen anecken und die Harmonie durchbrechen.
Schulbuchmässig vorgegangen
Solenthaler ist beim Gestaltungskonzept, wie er sagt, ziemlich schulbuchmässig vorgegangen. Dabei arbeitete er praktisch von Projektbeginn weg mit dem NCS-Farbsystem. Zunächst machte er mit dem Farblesegerät Colourpin PRO ein Farbporträt der Gebäude in der Umgebung. «Die wichtigsten Farben, die mir dabei ins Auge stechen – an Fassaden, Sonnenstoren oder, im Fall von Elsau, auch Fensterläden –, nehme ich mit dem Farblesegerät auf», erklärt er. Zudem achte er auf die Farbgebungen von Spielplätzen und Parks – und natürlich auf die des bestehenden Schulhauses.
«Ich arbeite dabei bewusst mit einem frischen und unvoreingenommenen Blick, stark geprägt von der unmittelbaren Wahrnehmung.» Bei diesem Eindenken in die Materie stellen sich ihm verschiedene Fragen: Wie wirkt ein bestimmtes Material unter wechselndem Licht? Wie verändert sich ein Raum durch die Proportionen oder seine Oberfläche? Und welche Rolle spielt Farbe, wenn sie nicht nur zweidimensional, sondern in Bewegung und im Zusammenspiel mit Volumen erlebt wird?
Gespür für die Farben bekommen
Letztlich gehe es darum, die Farben in ein erzählerisches Element der Architektur zu bringen. Entsprechend helfe das Farbporträt auch den Architekten und der Baukommission. Um sich den Farbklängen des Schulhauses anzunähern, stellte Solenthaler Handmischungen her – zunächst mit einzelnen Farben, danach mit Farbklängen. Es gehe darum, ein Gespür für die Farben zu bekommen. «Ich bin überzeugt, dass man einem Objekt nur dann so etwas wie Identität geben kann, wenn man diesen Prozess durchmacht», erklärt er. Anhand seiner eigenen Farbmischungen habe er dann die Übersetzung ins NCS-Farbsystem gemacht. Neben dem Farblesegerät benutzt Solenthaler den Farbtonfächer, den er immer in seinem Atelier hat – genauso wie die Farbkärtchen im A6-Format.
Sprache und Atmosphäre finden
Das NCS-Farbsystem sei für ihn ein präzises Werkzeug, mit dem er ausgewählte Töne definieren, kommunizieren und dokumentieren könne. In der Natur der Sache liegt aber auch, dass das System trotz seiner Genauigkeit und der 2050 Farbtöne oft nur eine Annäherung an einen individuell gemischten Farbton ermöglicht. Das liegt schlicht daran, dass die Farbtöne im NCS-Farbsystem nicht komplementär gemischt sind, sondern mit Schwarz und Weiss.
«Wenn ich Farben von Hand mische, erlebe ich immer wieder, dass es einen Farbton dazwischen gibt, der noch ein bisschen anders gemischt ist», erklärt Jan Solenthaler. «Meine eigenen Farbmischungen helfen mir, eine Sprache und eine Atmosphäre für diese Farbklänge zu finden, und das NCS-Farbsystem hilft mir, das klar kommunizieren und dokumentieren zu können.»