Formteile und Marmorino für eine edle Optik
An der Bahnhofstrasse in Zürich reihen sich die Läden der Luxusmarken aneinander. Einer von ihnen ist die Hermès-Boutique. Deren hochwertige Verkaufsfläche ist nicht zuletzt das Ergebnis komplexer und präziser Arbeit von Trockenbauern, Gipsern und Malern.
Factbox
Architekt: Chris Christen
Handwerk: Gipsergeschäft Marchese AG
Text: Raphael Briner, Redaktionsleiter «Applica»
Bilder: Hermès
In Gassen ist einer der besonderen Orte der Zürcher Innenstadt, gelegen in unmittelbarer Nähe des Paradeplatzes und des Münsterhofs. Die Bahnhofstrasse, das Fraumünster sowie die traditionellen Restaurants Kropf und Zeughauskeller ziehen Touristen aus aller Welt und natürlich auch einheimisches Publikum an. Kurz: In Gassen ist eine lukrative Passantenlage. Daher ist es nicht verwunderlich, dass hier Hermès seine Luxus-Modeartikel vertreibt. Die Boutique ist auf zwei Stockwerken in einem Gebäudekomplex untergebracht, dessen Baugeschichte auf das Jahr 1487 zurückgeht und der 1812 in der Stilepoche des Klassizismus sein heutiges Gepräge erhalten hat.
Im Jahr 2020 wurde die Hermès-Boutique komplett umgebaut. Dabei ging es darum, die historische Bausubstanz und teilweise denkmalgeschützte Elemente mit den heutigen technischen, funktionalen und gestalterischen Anforderungen an eine hochwertige Verkaufsfläche zu verbinden.
Den Auftrag für die Trockenbau-, Gipser- und den Hauptharst der Malerarbeiten bekam die Gipsergeschäft Marchese AG in Laupen im Zürcher Oberland. Obwohl es sich um einen internationalen Grosskonzern handle, sei es den für den Umbau Verantwortlichen wichtig gewesen, wenn möglich Unternehmen aus der Region zu berücksichtigen, sagt Fabio Marchese, der das Projekt geleitet hat. Zunächst realisierte die Marchese AG ein Provisorium, in dem die Boutique während der Umbauphase untergebracht war. Rund ein halbes Jahr später übernahm der heute 30 Jahre alte Stuckateurmeister die Leitung der Gipser- und Malerarbeiten am eigentlichen Standort.
Zwei Mal abgehängte Decke
Der Umfang der Trockenbauarbeiten war beträchtlich: Insgesamt wurden rund 600 m² Deckenflächen, etwa 450 m² Vorsatzschalen und rund 250 m² Leichtbauwände ausgeführt. In einem ersten Schritt erstellten die Gipser die zwei Mal abgehängte Decke. Die erste Ebene, die teilweise bereits vorhanden war, erfüllt primär Brandschutz- und schalltechnische Anforderungen. Marchese und seine Leute ergänzten den Bestand und passten ihn an, wenn Abbrucharbeiten oder neue Raumaufteilungen und Installationen dies nötig gemacht hatten.
Die zweite Abhängung zwischen Mauerbögen und Verkleidungen war deutlich komplexer. Die Decke verläuft auf unterschiedlichen Höhen und dient einerseits als Installationsebene für die Haustechnik und anderseits als gestalterisches, die Innenarchitektur prägendes Element.
Lichter strukturieren die Decke
Dass in einer edlen Boutique keine 08/15-Decke erstellt werden soll, versteht sich von selbst. Besondere Akzente setzen die grossformatigen, runden Lichter. Die Trockenbauer formten dafür kreisförmige Lichtnischen, die sie auch innenseitig beplankten. Anschliessend versah ein spezialisiertes Unternehmen diese mit einer lichtdurchlässigen Bespannung. Zusammen mit zahlreichen Spots sowie geometrisch angeordneten Stuckleisten und Formteilen strukturieren die Lichter die Deckenfläche. Gezielt in die Geometrie der Decke integrierte, geradlinig umlaufende Umluftöffnungen fügen sich unauffällig in das gestalterische Gesamtbild ein.
Die Oberflächen der Decke führten Marcheses Mitarbeitende mit Weissputz in Qualitätsstufe Q4 aus. Die Voraussetzung zur Erfüllung dieser optischen Anforderung war ein hohes Mass an Präzision während der Arbeiten an der ganzen Konstruktion. Bei solch komplexen Geometrien böten vorgefertigte Formteile erhebliche Vorteile, sagt Marchese. Einen grossen Teil davon fertigten Protektor und Knauf auf Basis von DWG-Dateien des Architekten Chris Christen an und lieferten sie montagebereit auf die Baustelle.
Angepasste Formteile
Bei einem Umbau stimmt die tatsächliche Bausituation nicht immer vollständig mit den Planunterlagen überein. Masse, Radien und Anschlüsse mussten deshalb vor der Montage und während der Ausführung laufend überprüft und wenn nötig angepasst werden. «Wo kurzfristige Lösungen gefragt waren oder eine externe Fertigung zu lange gedauert hätte, stellten wir einzelne Formteile direkt auf der Baustelle selbst her», erklärt Marchese. Damit konnten notwendige Anpassungen unmittelbar umgesetzt und Verzögerungen im Bauablauf weitgehend vermieden werden.
Das Projekt war von einer teilweise sehr engen Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke geprägt. Besonders deutlich zeigte sich dies bei den braunen, stirnseitig abgerundeten Raumteilern. Die Grundkonstruktion aus Holz stellte ein Schreiner aus Italien her. Anschliessend verkleideten die einheimischen Gipser diese mit entsprechend geformten Halbschalen und dann folgte die dekorative Beschichtung. Marchese bezeichnet diese Elemente als «massgefertigte Unikate, die sich nahtlos in die Architektursprache der gesamten Boutique einfügen».
Anspruchsvolle Konstruktion für geschwungene Wandgeometrie
Speziell und anspruchsvoll waren auch die Konstruktion und Gestaltung der rund 6 m hohen Wand im Bereich der Treppe, die vom Erdgeschoss in den ersten Stock führt. Die Gipser führten diese mit dem Stahl-Leichtbau-System Cocoon von Knauf aus. Aufgrund der geschwungenen Wandgeometrie beplankten sie die Konstruktion vierlagig mit formbaren, 6,5 mm starken Gipsplatten. Dank der geringen Plattendicke konnten die einzelnen Lagen den Rundungen präzise folgen. Entlang des Treppenverlaufs wurde zudem eine Aussparung für die nachträgliche und bündige Montage des Holzsockels ausgebildet.
«Der mehrlagige Aufbau ermöglichte es, die komplexe Geometrie sauber auszuführen und gleichzeitig die erforderliche Stabilität und Oberflächenqualität zu erreichen», sagt Marchese. Die spezielle Beschichtung der Oberfläche im Bereich der Treppe führte ein Maler aus Frankreich aus.
Glänzende und matte Oberfläche
Die Marchese AG übernahm die Ausführung der Wandoberflächen mit Marmorino. Die gewünschte Optik wurde gemeinsam mit der Bauherrschaft anhand von Mustern entwickelt. Für die erste Bemusterung spachtelten und verdichteten die Handwerker das Material auf herkömmliche Art und Weise. Die dabei erzeugte, glänzende Oberfläche entsprach jedoch nicht der gewünschten, eher matten Optik.
Für das zweite Muster passten die Gipser die Verarbeitung entsprechend an und verdichteten den Marmorino so, dass ein Wechselspiel zwischen glänzenden und matten Bereichen entstand. Diese lebendigere und zugleich zurückhaltende Oberflächenwirkung überzeugte die Bauherrschaft.