Aussenwand
Einfamilienhaus
Neubau

Haus W, Gamprin

22.04.2026

Haus W entsteht aus dem felsigen Hang: Die Geologie prägt Gestalt und Materialisierung. Architektur, Handwerk und Ort bilden eine Einheit. Ein eigens entwickelter Kalkputz mit beigemischtem zerkleinertem lokalem Fels macht die Geologie an der Fassade sichtbar.

  • Die Aussenfassade des Gebäudes. | © Ralph Feiner

    Die Südfassade

  • Eine Detailaufnahme der Gipserarbeiten an der Aussenfassade. | © Ralph Feiner

    Detail Wellenputz, Waschputz und Gesimse

  • Die Eingangstüre von aussen. | © Ralph Feiner

    Der Eingang

  • Der Blick auf die westliche Fassade. | © Ralph Feiner

    Die Westfassade

  • Eine Detailaufnahme des Wellenputzes an der Aussenfassade im Sonnenlicht. | © Ralph Feiner

    Detail Wellenputz

  • Eine Ecke des Gebäudes. | © Ralph Feiner

    Wellenputz und Fels

    Factbox

    Architekt: Studio EH GmbH

    Ausführendes Unternehmen: Gipsergeschäft Kradolfer GmbH

    Industrie: Röfix AG

    Text: Projektbeschreib aus der Eingabe für den Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026

    Bilder: Ralph Feiner

    Der Hang mit seinem felsigen Grund bildet die Ausgangslage für das Haus W in Gamprin. Der Bauplatz war von Beginn an nicht nur Rahmenbedingung, sondern stets ein prägender Parameter. Die Geologie des Ortes, der harte Fels (Kalksandstein resp. quarzhaltige Kalksteinknollen, Aubrig-Schichten der Säntis-Decke), die Körnungen und Farben bestimmen die Architektur in ihrer Gestalt und Materialität. Die Essenz des Ortes wird nicht verborgen, sondern in der Architektur zelebriert, sichtbar und erlebbar gemacht.

    Die äussere wie auch die innere Form stehen in direkter Wechselbeziehung zum steil abfallenden Gelände. Der viergeschossige Baukörper verzahnt sich mit dem Hang; geschützt im Rücken, öffnet er seitlich Austritte und bietet Ausblicke talabwärts.

    Besonders charakteristisch ist der eigens für dieses Projekt entwickelte Kalkputz, der mit lokalem Fels, zu schwarzen Steinchen zerkleinert, angereichert wurde. Durch das Waschverfahren treten somit die dunklen mineralischen Zuschläge hervor, die schon im Boden des Bauplatzes vorhanden waren. In enger Zusammenarbeit zwischen Handwerk, Architekten und Auftraggeberschaft entstand so eine Oberfläche, die den Ort in der Fassade spürbar macht.

    Fassade mit Charakter

    Das durch strukturelle Öffnungen und den gewaschenen Wellenputz geprägte mittlere Wohngeschoss lässt die Umgebung nach innen fliessen und ist als offener Raum konzipiert. Die übrigen Geschosse sind hingegen durch kammerartige Räume geprägt, deren Charakter sich auch an der Fassade ablesen lässt: Lochfenster und ein flach aufgetragener Waschputz bestimmen hier die Fassaden. Das oberste Geschoss kragt über den Hang hinaus und öffnet den Blick erstmals auch hangaufwärts in Richtung Wald und Rebberg. An das geneigte Flachdach bildet der feine, abgeschwammte Feinputz den Abschluss.

    Die Vision, den Baugrund in die Architektur zu übertragen, blieb über den gesamten Prozess unverändert. Der Entwurf und die Entwicklung der Fassade verliefen hingegen keineswegs geradlinig. Unterschiedliche Materialisierungs-, Gestaltungs- und Kostenvarianten wurden ausgetestet, bevor sich der Kalkputz durchsetzte – nicht zuletzt wegen der Möglichkeit, den lokalen Felsen als Aggregat beizumischen und seiner fugenlosen, scheinbar monolithischen Erscheinung.

    Der Wellenputz war ursprünglich als grobe, den gesamten Baukörper umhüllende Schicht gedacht, als sei das Gebäude aus dem Felsen gehauen. Im Verlauf des Prozesses wandelte er sich jedoch zur Veredelung und wurde schliesslich zur Fassade des repräsentativen Wohngeschoss und des Eingangsbereichs – eine plastische Oberfläche, die sich wie ein Vorhang oder kannelurartiges Gewand um das Gebäude legt. Sie bildet einen spannungsvollen Kontrast zu den glatten, zurückhaltenden Fassadenflächen und markiert zugleich Eingang und zentrale Wohnebene.

    Gestaltungselement Putz

    In einem engen Austausch mit der Firma Röfix wurde die Rezeptur beurteilt und freigegeben. Röfix leistete einen wesentlichen Beitrag zur Erarbeitung technischer Detaillösungen und Verputzschichten. Die individuelle Putzmischung wurde vom ausführenden Kradolfer Gipserhandwerk vorgeschlagen und gemeinsam mit Roger Hugger (Röfix) fachlich abgestimmt. Die Mischung wurde direkt auf der Baustelle im Zwangsmischer angerührt und von Hand appliziert.

    Die Rezeptur entstand auf Grundlage der gestalterischen Anforderungen von Bauherrschaft und Architekturteam in Bezug auf Optik (Felsenanteil), Haptik sowie formalen Anspruch. Dazu kommt der technische Anspruch an den Fassadenverputz wie: Verputzaufbau, Materialität, Witterungsbeständigkeit, Feuchtehaushalt an einem Wohnhaus in der Rheintaleben ohne Vordach.

    Die verputzte Fassade gliedert sich in drei gestalterische Elemente, was zu zwei Putzrezepturen führte. Die drei gestalterischen Elemente sind:

    • WASCHPUTZ FLÄCHIG
    • WASCHPUTZ ALS WELLENPUTZ
    • FEINPUTZ (Fries am Dachrand)

    Die beiden Waschputzvarianten basieren auf derselben Rezeptur, während der Feinputz aus einer eigenen Mischung besteht. Die handwerkliche Verarbeitung bleibt bewusst sichtbar und hinterlässt ihre Spuren: Die Oberflächen sind nicht gleichmässig, zeugen von der manuellen Arbeit im Kontrast zu einem industriellen Fertigungsprozess. Das Handwerk ist Teil und Grund für die Qualität der monolithischen Erscheinung. Der Verputz ist, wie der Felsen auch, fugenlos: Seine Lebendigkeit in der Oberfläche ist eine natürliche Konsequenz des Entstehungsprozesses.

    Detailausführung: Die Aussenecken sind ohne Kantenschutz ausgebildet. Im Waschputz flächig muss jede Ecke zweimal, also von beiden Seiten angeschlagen werden. Das erste Brett mit einem 45-Grad-Winkel um die Form und Ecke auszubilden und der zweite Anschlag als Führung, damit die Aussenecke nicht beschädigt wird während dem Verputzen und Waschen. Beim Wellenputz hilft eine Eckschablone für das Ausbilden der Aussenecken. Der Wellenputz ist in zwei Schichten aufgebaut, aufgrund der Wellen-Höhe von 25 mm. Bestehend aus dem Kernzug/Grundputz mit Designputz bereits in Wellenform, worauf der Fertigzug/Waschputz folgt. Die Schablonen sind mit Hilfe des Spenglers hergestellt. Die verputzten Fassadenflächen bleiben unbehandelt. Der Verputzaufbau wurde aus diesem Grund mit einem Grundputz von mind. 10 mm aufgebaut um den Feuchtehaushalt zu ermöglichen. Anschlüsse an andere Bauteile sind getrennt mittels Anputzleiste W38.

    Zusammenarbeit zwischen Handwerk, Industrie, Architekt und Bauherrschaft

    Die Umsetzung der Fassade war das Ergebnis eines über Jahre gewachsenen, intensiven Dialogs zwischen Architektur, Handwerk und Industrie. Bereits rund zwei Jahre vor Ausführungsbeginn begann die enge Zusammenarbeit mit dem Gipserhandwerk Kradolfer sowie der Firma Röfix als Systemhersteller. In zahlreichen gemeinsamen Sitzungen wurden gestalterische Visionen, technische Anforderungen und handwerkliche Möglichkeiten diskutiert, getestet und weiterentwickelt. Dieser iterative Prozess war geprägt von gegenseitigem Respekt, Offenheit und einem gemeinsamen Ziel: die Essenz des Ortes in der Fassade sichtbar zu machen.

    Die Entwicklung der Putzrezeptur, die Wahl der Zuschläge, die Ausarbeitung der Schablonen für den Wellenputz sowie die handwerkliche Verarbeitung wurden in enger Abstimmung vorgenommen. Die Architektur lieferte die gestalterische Vision, das Handwerk brachte seine Erfahrung und Präzision ein, Röfix unterstützte mit technischem Know-how und Materialexpertise. Nur durch diesen kontinuierlichen Austausch und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf einen gemeinsamen Prozess einzulassen, konnte die komplexe, ortsbezogene Fassade erfolgreich realisiert werden.

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