Sgraffito als gelebte Baukultur
Mit dem Haus Mira in Andermatt entsteht ein Bauwerk, das alpine Bautradition, zeitgenössische Architektur und handwerkliche Präzision miteinander verbindet. Die markante Fassade mit ihrem Sgraffitoschmuck greift historische Techniken und regionale Baukultur auf und interpretiert sie neu. So verankert sich das Gebäude sowohl gestalterisch als auch kulturell am Gotthard und schafft eine eigenständige architektonische Identität.
Factbox
Architektur: Ilg Santer Architekten GmbH
Ausführendes Unternehmen:
Russo AG
Haus der Farbe, Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur
Industriepartner: HAGA AG Naturbaustoffe
Text: Projektbeschreib aus der Eingabe für den Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Bilder: Felix Krumbholz
Andermatt befindet sich baukulturell an der Nahtstelle zwischen den Nord- und Südalpen. Vor diesem Hintergrund ist der der rotationssymmetrische Grundriss, welcher an kristalline Wachstumsfiguren wie Schneeflocken oder an bürgerliche Mailänder Wohnungen erinnert, zu verstehen. Eine Abfolge von polygonalen Räumen aus dem Treppenhaus über die zweigeschossige Halle zum dreiseitig orientierten Wohnraum bildet das Rückgrat der Maisonette-Wohnungen.
Der murale Baukörper reflektiert die massive Bauweise im Urserental. Untypisch für den Kanton Uri sind hier Steinhäuser aufgrund der Holzarmut und der Zuwanderung von Baumeistern von der Alpensüdseite stark vertreten. Ein bekanntes Beispiel im Urserntal ist die Baumeisterfamilie Schmid aus Alagna, dem Val Sesia im Piemont. In der Enge der Gassen bilden drei Erker mit hochgezogenen Dachgiebeln eine identitätsstiftende Silhouette.
Typologische Differenzierung der Fassadenelemente
Drei Fenstertypologien ergeben zu den Gassen ein spielerisches Fassadenbild: leicht eingezogene kleine Guckfenster und französische Fenster mit tiefen konischen Leibungen und gestrichenen Fensterläden setzen grafische Akzente in der zurückhaltenden, natürlichen Farbigkeit der Fassade während die Panoramafenster fast schon städtisch wirken.
Im Kontrast zu einem klassischen Zweischalenmauerwerk erlaubt die Wandkonstruktion mit einem 30 cm dicken Mauerwerk aus Dämmsteinen und 8 cm Dämmung in der Breite der Fensterrahmen eine massive Erscheinung mit tiefen Fensterleibungen bei gleichbleibendem U-Wert. Die Fenster in massivem Lärchenholz und die auf traditionelle Art weiss verputzte und gekalkte Fassade mit einem Sgraffitoschmuck im Sockel als Scheinbossierung aus stilisierten Pyramidenquadern verorten den Bau in der alpinen Bautradition.
Sgraffito: Technik, Herkunft und lokale Adaptionen
Die Sgraffitotechnik hat sich im frühen 16. Jahrhundert von Rom aus verbreitet, zuerst Richtung Böhmen und Niederösterreich und anschliessend durch heimkehrende Handwerker oder Durchgangsverkehr im ganzen Alpenraum, und mischte sich mit lokalen Traditionen. Prominente Beispiele im Kanton Uri sind das Tellspielhaus und der künstlerische Schmuck des Zeughauses in Altdorf vom Urner Künstler Franz Fedier von 1954.
Dank der grossen plastischen Wirkung dieser Putz-Technik hat sich im Lauf der Zeit mehrheitlich die Verwendung stilisierter Architekturelemente als Motivwelt herauskristallisiert. Der Sgraffitoschmuck des Haus Mira ist eine Scheinbossierung mit stilisierten Pyramidenquadern, welche dem Schatten entsprechend der Fassadenausrichtung nachempfunden sind. Die Pyramidenquader öffnen ein Assoziationsfeld, welches über die Architekturreferenzen hinaus von Mailänder Mode bis zur sichtbaren Wehrhaftigkeit am Gotthard reicht und den Bau am Ort verankert.
Gelebte Baukultur
Ausgehend von der traditionellen alpinen Architektur – geprägt durch den Einsatz von Kalk – und unter dem Einfluss von gestalterischen Motiven aus Kunst und Mailänder Mode – wurden erste Miuster erstellt, die auf überlieferten Rezepturen von Gottfried Sempers (Professor an der ETH Zürich um 1865) Sgraffito-Fassade am ETH-Hauptgebäude stammen.
Mit dem gestalterischen Konzept und den ersten technischen Zeichnungen wurde das Spannungsfeld zwischen Fläche und Volumen, Licht und Schatten sowie zwischen digitalem Entwurf und handwerklich ausgeführtem Sgraffito deutlich sichtbar. Zentrale Fragestellung war: Welche Präzision lässt sich durch gezielte Anpassung der Materialeigenschaften – etwa über die Siebkurven der verwendeten Sande – sowie durch den Einsatz geeigneter Werkzeuge und Verarbeitungstechniken erzielen?
Überlieferung und Ausführung
Im Zuge der Bemusterung konnten sowohl gestalterische Parameter als auch das tägliche Leistungspensum (definiert als Tagwerk – die maximale Fläche, die eine Person im Schichtaufbau aus Schwarzputz, Kalkmilch und Sgraffito an einem Arbeitstag ausführen kann) bestimmt werden. Auf dieser Basis entstand eine belastbare erste Kosten- und Zeitkalkulation.
Diese Ergebnisse ermöglichten es, den Materialbedarf sowie den Gesamtaufwand präzise hochzurechnen und leidenschaftliche Partner aus Handwerk und Putzindustrie zu suchen, die dem Umfang und Massstab des Projekts gewachsen sind. Diese mussten die Arbeiten, was für eine solch handwerkliche Arbeit eher speziell und anspruchsvoll ist, als Subunternehmer für einen Totalunternehmer ausführen. Nur ganz wenige kleine Wermutstropfen, wie z.B. drei Kittfungen die der TU nicht wie abgesprochen ausgeführt hat, schmälern die Gesamterscheinung nur wenig. Neben der präzisen Vorarbeiten war auch der explizite Wille der Bauherrschaft und des Begleitgremiums des Kantons Uri notwendig, um das Projekt qualitativ hochwertig zu realisieren.