Gold für den stimmigen Dialog von Alt und Neu
Die Casa Jolli im Bleniotal ist für ihre Innenraumgestaltung mit Gold beim «Schweizer Preis für Putz und Farbe» ausgezeichnet worden. Das Projekt zeigt, wie Lehmputz, Farbe und kleine architektonische Eingriffe eine besondere und stimmungsvolle Raumatmosphäre schaffen können.
Factbox
Architekt: Camponovo Baumgartner GmbH
Ausführendes Unternehmen: paint & clay art GmbH
Text: Projektbeschrieb aus dem Jurybericht des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Bilder: Federico Farinatti
Inmitten einer landschaftlichen Enge mit kluftigen Felsen, steinernen Bachbetten, weiten landwirtschaftlichen Feldern und steilen Berghängen sitzt im Bleniotal das Rustico Semione. Die typischen Tessiner Architekturmerkmale der geschlossenen, körperhaften Erscheinung, des organischen Erwachsens aus der Topografie, des geringen Fussabdrucks, der seitlich anliegenden Holzlaube einfachster Art und der archaischen Granitschindeln sind erhalten, als würden Raum und Zeit stillstehen. «Hier wo des Blenios Wasser rauschen und mit den Wolken Grüsse tauschen» scheint Rousseaus wilde Romantik konserviert.
Selbst beim Betreten des Hauses setzen romantische Bilder ein: Stuckarbeiten, Verse und Fresken verehren den ehemaligen Weinbau. Ein stark verrusster Kamin, abgenutzte Putze, leere keramische Behältnisse und alte Fliesen erinnern an ein früheres, entschleunigtes gesellschaftliches Zusammenleben.
Ist der Besuchende Voyeur oder Erlebender? Die Grenzen sind verschwommen, mal fühlt man sich distanziert beobachtend, mal tief involviert. Die architektonischen Eingriffe unterstreichen diese changierenden Gefühlslagen. Sie sind auf das Notwendigste reduziert und bilden dennoch eine neue Einheit. Sämtliche Innenwände sind rückgebaut, die räumlichen Unterteilungen der Geschosse auf dem Niveau des Wohnbereichs aufgelöst. Entlang der Aussenwände sind alte Fliesen, Farbanstriche und Malereien brailleartig erhalten. Ihr Belassen verleiht den Wänden eine substanzielle Tiefe, die sowohl auf eine optische undbauliche, als auch zeitliche Mehrschichtigkeit hindeutet und den offenen Wohnbereich subtil gliedert.
Ein Zylinder organisiert und heizt
Neben den Aussenwänden zoniert ein asymmetrisch platzierter, körperhafter Zylinder, der sich durch alle Geschosse emporwindet und das elementare Rückgrat bildet – nicht nur räumlich, sondern auch haustechnisch. Der Zylinder ist eine Art übergrosser Radiator, der in alle Räumlichkeiten des Rusticos ausstrahlt und erlebbar ist. So schiebt sich im Erdgeschoss der angefügte Küchenblock radial in den Wohnbereich, im ersten Geschoss formiert das Rund in Kombination mit den offenstehenden Türen eine performative räumliche Zwischenzone à la Hermann Czech – der Eintretende ist geschützt und stört die räumliche Integrität nicht – und im zweiten Geschoss macht im Treppenraum ein humoristisches Fenster die Struktur sichtbar: Das lokale Weglassen einer Gipsplatte offenbart Holzständer, Ziegelsteine, Heizschlaufen und Lehmputz.
Die räumlichen, konstruktiven und formalen Lösungen sind den heutigen Bedürfnissen angepasst; der Wunsch nach einer innenliegenden Treppe und der Temperierung für eine ganzjährige Nutzung als Ferienhaus ist Kernpunkt aller Entwurfsentscheidungen. Auf den oberen Etagen sind gegenläufig zum offenen Wohnbereich neue Wände eingezogen, um der fragilen Statik gerecht zu werden. Ein sichtbares Fachwerk verleitet dazu, dass nicht nur erhaltene Elemente Bilder evozieren. Es tritt kräftig in Erscheinung und zeichnet den neuen Verlauf der Kräfte ab. Neben dem Fachwerk prägen in den Zimmern Lasuren in Salbeigrün, Lachsrot, Hellblau, Violett, Lavendel und Zitronengelb die Stimmung. Die Farben sind von den lebendigen Anstrichen des Bestandes übernommen und verdecken ganz bewusst die natürlichen und nüchternen Materialien nicht. Die substanzielle Mehrschichtigkeit ist eine ständige Begleiterin der Besuchenden und Erlebenden.
Bei den Türen imitieren die unterschiedlichen Oberflächenbehandlungen typischen Täfer. Die neu eingebauten Fenster in starkem Schwarz und intensivem Rot akzentuieren die Öffnungen ganz nach einer weiteren hauseigenen Inschrift: «Preist ihn zu allen Stunden, der’s Fenster hat erfunden».
Die architektonischen Interventionen sind manchenorts hervorgehoben, andernorts verschleiert. Neben den Farben stechen auch die körperlichen Steigzonen in den Raumecken und die Aufputzleitungen in Chromstahl ins Auge, während Flickstellen im Boden fast nahtlos eingefügt sind. Doch selbst die Verhüllung hilft in Semione, den gedanklichen und baulichen Gehalt des Bestandes herauszuschälen. Der Eingriff sichert den Erhalt eines architektonischen Zeitzeugen und pflegt eine Kulturlandschaft, die zu verwildern droht.
Das sagt die Jury
Die Jury des Schweizer Preises für Putz und Farbe 2026 würdigte das Zusammenspiel von bestehender Bausubstanz und architektonischen Eingriffen, die auf das Notwendigste reduziert sind. Jurymitglied Pinar Gönül lobte: «Das Projekt schafft auf unkonventionelle Art und Weise ein Nebeneinander und Miteinander von Interventionen, die den Erhalt eines architektonischen Zeitzeugen sichern, ohne dessen Geschichte zu negieren.» Durch Lehm, Putz und Farbe entstehe ein vielschichtiger Innenraum, der Spuren sichtbar lasse und das Gebäude für eine zeitgemässe Nutzung öffne.
Der komplette Jurybericht zu allen Projekten des Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026 kann im Fachverlag des Schweizerischen Maler- und Gipserunternehmer-Verbandes SMGV bestellt werden.