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Öffentliche Einrichtung

Ersatzneubau Irides: Farbkonzept als ­Orientierungshilfe

20.03.2026

Im Blindenheim Basel richtet sich das gesamte Farb­­konzept darauf aus, den Bewohnenden mit verbleibenden Sehfähigkeiten die Orientierung zu erleichtern. Starke Kontraste und matte Oberflächen dominieren.

  • Ein Fahrstuhl mit roten Türen und einem Holzrand. | © Alexandra von Ascheraden

    Der Personenlift ist im gleichen dunklen Rotton gehalten wie die Zimmertüren, um die Orientierung zu erleichtern. Warenlift und Personaltüren sind hingegen weiss.

  • Eine Beschriftung des Stockwerkes an der Wand und darunter ein hölzernes Geländer. | © Alexandra von Ascheraden

    Die Anzahl der Ringe am ­Geländer zeigt das jeweilige Stockwerk an und wiederholt sich an den Handläufen im Treppenhaus.

  • Diverse Farbmuster, welche nebeneinader gelegt wurden. | © Alexandra von Ascheraden

    Eine Zusammenstellung der kontrastierenden Farbmuster und Materialien, die im Haus Irides verbaut sind.

    Factbox

    Architekt: Marco Rickenbacher

    Text und Bilder: Alexandra von Ascheraden, Journalistin aus Basel

    Wie kann Architektur sehbehinderten Menschen Orientierung ermöglichen? Im Wohn-, Alters- und Pflegezentrum der Stiftung Blindenheim Basel war dies eine der Leitfragen für das Konzept ihres Ersatzneubaus Irides.

    In den unteren drei Geschossen befinden sich Pflegeabteilungen, im vierten Stock leben in Wohngruppen jüngere sehbehinderte und blinde Menschen, die in der Arbeitswelt stehen und so selbstbestimmt wie möglich leben. Insgesamt bietet das Haus 99 Betten. Das Blindenheim besteht seit über 125 Jahren an diesem Standort. Einst war es am Stadtrand gelegen. Unterdessen ist die Stadt darum herum gewachsen. So liegt die Parzelle heute zentral und verkehrsgünstig. Sie bietet damit Vorteile, die man nur mitten in der Stadt findet.

    Oberflächen und Farben wichtig

    Die Architektur des Neubaus auf dem bestehenden Grundstück musste sich also an städtebaulichen Aspekten orientieren und sich den Gebäuden der Umgebung anpassen. Im Inneren aber bestimmten die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner die Gestaltung.

    Hier spielen auch Oberflächenbeschaffenheit und Farbe eine wichtige Rolle. «Die wenigsten unserer Bewohnenden sind wirklich im klassischen Sinne blind. Viele verfügen noch über Restsehvermögen und nehmen beispielsweise Hell-Dunkel-Kontraste wahr, manche reagieren zudem lichtsensibel», erklärt Martina Hilker, Mitglied der Geschäftsleitung.  

    Zum Sehen und Tasten

    Diese Erkenntnisse flossen in die Gestaltung ein, zum Beispiel in Form von starken Hell-Dunkel-Kontrasten, farbigen Markierungen und tastbaren Strukturen. Dabei berücksichtigte das Team, dass Späterblindete oft mit tastbaren normalen Buchstaben und Zahlen besser zurechtkommen als mit Brailleschrift. Deshalb brachte man an vielen Stellen beides an, etwa auf Geländern, Liftknöpfen oder an Zimmertüren. 

    Architekt Marco Rickenbacher und das Projektteam arbeiteten sich gezielt in dieses Thema ein. Es wird in Zukunft ohnehin an Bedeutung zunehmen, wie er darlegt: Das Thema Sehschwäche gewinne an Relevanz. Im Jahr 2060 werde ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Der Anteil der über 80-Jährigen werde sich schon in den kommenden 15 Jahren auf 10 Prozent verdoppeln. «Mit dem hohen Alter sind häufig Veränderungen der Sehfähigkeit verbunden.» Intelligente Farbgestaltung kann einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Autonomie und zum Wohlbefinden der Betroffenen leisten. 

    Eigentlich ist das ganze Neubauprojekt eher ein – im positiven Sinne – gescheitertes Umbauprojekt des Gebäudes aus dem Jahr 1976. Die Bauherrschaft wollte dieses erweitern und modernisieren, da der Bedarf an Zimmern gestiegen war. Ricken­bacher erläutert: Die Vorgaben von Curaviva, dem nationalen Branchenverband der Dienstleister für Menschen im Alter, etwa für Zimmer- und Badgrössen, hätten sich stark verändert. «Die vielen tragenden Wände im Bestand wären nur mit unverhältnismässigem Aufwand anpassbar gewesen.»

    Hinzu kamen Normen für altersgerechtes Bauen, die davon ausgehen, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner im Brandfall nicht selbst retten können, sondern einzeln evakuiert werden müssen. Diese Vorgaben sind heute so streng, dass sich das bestehende Gebäude nicht mehr entsprechend ertüchtigen liess. 

    Gebäude in Windradform

    Das Architekturbüro Esch Sintzel gewann das Auswahlverfahren mit einem Projekt, das die Zahl der Zimmer von 70 auf 99 erhöhte. Marco Rickenbacher, damals projektverantwortlicher Partner, beschreibt den Grundriss so: «Das Gebäude hat drei Flügel in Windradform.» In der Mitte befinden sich das Stationszimmer und der grosse Gemeinschaftsbereich, von denen aus die Flügel erschlossen werden. Die Zimmer liegen in den Flügeln, an deren Enden sich Nischen mit ruhigen Aufenthaltszonen befinden. Martina Hilker von der Stiftung Blindenheim erklärt während einer Besichtigung des Gebäudes: «Uns war die Führung durch Lichtdramaturgie sehr wichtig, weil wir damit diejenigen unterstützen, die Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen können.» Alle Wege würden zum Licht führen.

    Gemäss der Norm sind zwei Treppenhäuser erforderlich. Das Projektteam entschied sich gegen ein kleines, reines Fluchttreppenhaus, das ein grosses, innen liegendes Treppenhaus klassisch wie normgerecht ergänzt hätte. Stattdessen wurden zwei gleichberechtigte Treppenhäuser erstellt. So haben beide Tageslicht und laden zur Nutzung ein.

    Die Treppenläufe sind gleichmässig beleuchtet und die Stufen kontrastreich markiert. Architekt Ricken­bacher erklärt: «Wir haben nicht wie üblich Streifen aufgeklebt, sondern zwei unterschiedliche Steinfarben verwendet, sodass die Kanten der Stufen deutlich heller sind.»

    Die Oberflächen sind im ganzen Haus eher matt gehalten, um die Blend­wirkung zu reduzieren, die im Alter zunimmt. Die Türen der Zimmer sind dunkelrot und haben eine wertige Eichenholzeinfassung. Den üblichen Kantenschutz aus Chromstahl ersetzte man bewusst durch Eichenholz, nicht nur, weil Chrom glänzt, sondern auch, weil man eine spitalartige Atmosphäre vermeiden wollte. Auch die Lifttüren sind dunkelrot, während die Wände in Weiss oder hellem Graugrün kontrastieren. 

    Farbhierarchie der Türen

    Die Fensterrahmen in den Bewohner­zimmern sind mahagonifarben, die Schränke in Cognac und Maulbeere gehalten, sodass sie sich klar von der weissen Wand abheben. Über Farben wurde zudem eine Hierarchie der Türen geschaffen: Warenlift und Personal­türen sind in diskretem Weiss ­ge­halten. Die Farbgestaltung orientiert sich an den Bedürfnissen der Bewohnenden, zugleich mussten auch betriebliche Anforderungen berücksichtigt werden, wie beispielsweise Reinigungsfreundlichkeit.

    Architekt Rickenbacher erklärt, wie das Team eine Lösung fand: «Wir haben zusammen mit Brillux eigens Musterplatten mit Farben für Hochbeanspruchung angefertigt. Damit statteten wir einen Gang und ein Bewohnerzimmer komplett aus, samt Dusche, Möbeln, Vorhängen sowie Boden-, Wand- und Deckenmaterialien.» Freiwillige wohnten dort mehrere Stunden am Stück zur Probe, während über Wochen gleichzeitig normale Reinigungszyklen durchgeführt wurden. Durch diese Praxisprüfungen konnte sichergestellt werden, dass die Farben nicht nur ästhetisch und kontrastreich sind, sondern auch dauerhaft belastbar, pflegeleicht und alltagstauglich bleiben.

    Seit Juni 2024 ist «Irides» der Stiftung Blindenheim Basel vollständig bezogen. Geschäftsleitungsmitglied Martina Hilker bestätigt, dass sich das Farbkonzept unter voller Auslastung erfreulich gut bewährt hat. 

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