Eine Leinwand für das Alltägliche
Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Pratteln erneuerte sechs Mehrfamilienhäuser aus den 1950er-Jahren und ersetzte eines durch einen Neubau. Das Projekt steht für eine nachhaltige Transformation des Bestands, die architektonische Klarheit, handwerkliche Qualität und gemeinschaftliches Wohnen verbindet.
Factbox
Architekt: Brandenberger Kloter Architekten AG
Ausführendes Unternehmen: FGB Bau GmbH
Text: Projektbeschreib aus der Eingabe für den Schweizer Preis für Putz und Farbe 2026
Bilder: Willem Pab und Basile Bornand
Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Pratteln stellt seit Jahrzehnten bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund entstand das Vorhaben, die sechs Mehrfamilienhäuser aus den 1950er-Jahren an der Basler-, Vogelmatt- und St. Jakobstrasse zu sanieren, zu modernisieren und eines davon durch einen Neubau zu ersetzen.
Erweiterung und Transformation der Bestandsbauten
Die bestehenden Gebäude wurden an den Längsseiten um vorgelagerte Loggien und Wohnraumerweiterungen ergänzt. Diese Erweiterungen und dazwischengestreckte Aussenzimmer, sind mit beweglichen, perforierten Metallpaneelen verkleidet, die zugleich Sonnen- und Sichtschutz bieten. So entsteht eine lebendige Fassadenstruktur, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern individuell bespielt werden kann – die Loggien werden zu persönlichen Schaukästen, welche Aneignung und Identifikation mit dem Gebäude fördern.
Das sechste Gebäude wurde durch einen dreigeschossigen Neubau ersetzt, da eine Erweiterung des Bestands baugesetzlich nicht zulässig war. Gezielte Vor- und Rücksprünge der Fassade schaffen differenzierte Aussenräume – vom Laubengang mit Sitznische im Norden bis zum sonnigen Balkon im Süden. Der Neubau zeigt sich in einer ruhigen, klaren Architektursprache: Dunkelgrüne Fensterrahmen und Fensterläden sowie rote Markisen setzen kräftige, komplementäre Akzente.
Das Farb- und Fassadenkonzept
Diese Farbakzente knüpfen an eine über 75-jährige Geschichte genossenschaftlichen Bauens an. Es sind bewährte, im lokalen Kontext vertraute Farbtöne, die weitergeführt und neu interpretiert werden. Im Sinne eines nachhaltigen Umgangs mit vorhandenen Ressourcen – unter dem Leitgedanken des good enough – werden diese Elemente bei den Bestandesbauten in einen dritten Lebenszyklus überführt und beim Neubau zwangslos eingesetzt. Sie stiften zugleich Identität und Wiedererkennbarkeit innerhalb der Gesamtüberbauung.
Eine fein abgestimmte, helle Fassadenhaut aus mineralischem Putz und Farbanstrich verbindet die sechs Häuser visuell zu einer Einheit. Das JuraWeiss wirkt dabei nicht steril, sondern als ruhiger Hintergrund – wie eine Leinwand oder ein Vorhang, vor oder hinter dem sich das alltägli che Leben der Bewohnenden entfalten kann. Beim Ersatzneubau wurde der Fassadenputz haptisch wie ein Netzstoff bearbeitet. Der neue Baukörper steht für eine klare, zeitgemässe Architektur, die sich in die bestehende Siedlung und Kontext einfügt und das Ensemble ergänzt.
Erschliessung und Gemeinschaft
Die Genossenschaft richtet sich an Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Lebensformen. Die Laubengangerschliessung legt sich wie eine zweite Haut um das Gebäude und vermittelt zwischen Innen und Aussen. Getragen von einem Raster aus Doppelstahlstützen, strukturiert sie die Wahrnehmung und verleiht dem Gebäude Ruhe und Rhythmus. Die begrünten Aussenzimmer schaffen private Rückzugsorte, fördern individuelle Aneignung und stärken zugleich das gemeinschaftliche Gefüge.
Materialität und Handwerk
Das Materialkonzept folgt der Haltung, dass Material nicht als Dekor verstanden wird, sondern als integraler Bestandteil der Architektur. Es verleiht der Konstruktion eine sinnliche Präzision, die aus dem Handwerk heraus entsteht. Das mit reiner Luft gedämmte Einsteinmauerwerk und der reduzierte Schichtaufbau unterstreichen diese Haltung, bieten Langlebigkeit und gewährleisten ein ausgeglichenes Raumklima. Die Innovation liegt in der Einfachheit – in der Offenheit des Materials und der Transparenz der Reduktion. Aus der Klarheit der architektonischen Haltung wächst die Präzision des Handwerks.
Oberfläche und Licht
Was im Entwurf als Idee von Struktur und Reduktion begann, findet in der Gebäudehülle seine sinnliche Übersetzung – im Zusammenspiel von Licht, Material und Bewegung. Die Fassade, ausgeführt im Farbton Jura 53, wird zur Leinwand: Licht, Schatten und Oberflächenstruktur erzeugen im Tagesverlauf subtile, sich wandelnde Farbwirkungen. Das Quadrat als wiederkehrendes Motiv prägt die Tektonik und verleiht der Oberfläche eine lebendige, unregelmässige Textur. Farbe entsteht hier nicht durch Pigment, sondern durch die Wechselwirkung von Licht, Material und Umgebung.
Der mineralische Deckputz wurde in einem experimentellen Handverfahren appliziert: Nach dem Grundputz und der ersten Netzeinbettung folgte eine Schicht Deckputz, die nach kurzer Wartezeit anzog und leicht festigte. Ein auf den frischen Putz gedrücktes Armierungsgewebe wurde nach kurzem Ansteifen wieder von oben nach unten abgezogen – ein kontrollierter Zufall, der ein reliefartiges Raster entstehen lässt und jede Fläche zu einem Unikat macht.